Restaurantkritik: Artig – was kann der Hype um die Nikkei-Küche wirklich?

Marko Locatin

Prime Cut vom österreichischen Altrind (Dry Aged), geräucherte Aji-Panca-Sauce , confirte Aji-Amarillo-Sauce, Erdäpfel-„Pavé", Chimichurri, Pimentos de Padrón, Ponzu. Bild: Marko Locatin

Das Artig in der Wiener Piaristengasse ist stets ausgebucht. Doch was kann die gehypte peruanisch-japanische Küche wirklich? Genuss-Autor Locatin war vor Ort.

Der Standort

Klaus Piber war mit seinem Mercado am Stubenring seiner Zeit voraus. Es sperrt anno 2019 endgültig. Wien war offenbar noch nicht reif für die peruanisch-japanische Fusion. Wie dem auch sei, das ist vergossene Leche (peruanisch: Milch). Der talentierte, im Pariser Le Cordon Bleu ausgebildete Küchenchef Javier Vera Alarcón, machte nach dem Mercado u.a. im Mraz & Sohn (2 Michelin-Sterne) Station, bevor er sich mit Betreiber Daniel Levai mit dem Artig in kürzester Zeit “mitten im Achten” eine Fangemeinde erkochte. Ohne Reservierung geht nichts. Doch was ist Nikkei-Küche eigentlich? Kurz: Japanische Perfektion und kompromisslose Produktqualität trifft auf die peruanische Würze von Chili, Pfeffer, Limette, tropischen Früchten & Co.

Speis & Trank

An diesem Donnerstag ist das rechteckig geschnittene, rund 50 Quadratmeter messende Lokal bis auf den letzten Tisch gefüllt. An der offenen Schauküche werden mit letzten Handgriffen Speisen finalisiert, hinter einer Tür verbirgt sich dann noch ein Küchenbereich, wo die warmen Gerichte zubereitet werden.

Wir wollten ein niederschwelliges Lokal mit bester Qualität. Wie ein japanisches Izakaya.

Daniel Levi

Beginnen wir mit peruanischem Sashimi Traditio genannt: Erstklassige Fischqualität, aromatische Sauce, großartiges Gericht, das auf einer geräucherten Aji-Amarillosauce sowie Kürbispüree thront. Die Ware wechselt nach Verfügbarkeit, ich empfehle dringend das Upgrade auf Toro, Bauchlappen, das kostbarste, weil fetthaltigste Stück vom jeweiligen Fisch.

Bild: Marko Locatin

Wer Nikkei sagt, der sagt auch Cevice. Geräucherter Octopus, Smoked Leche de Tigre, Süßkartoffeln und zweierlei Mais. Frisch, aromatisch, guter Säurekick, für meinen Geschmack hätte etwas weniger Salz, doch mehr Chili sein dürfen – freilich eine Geschmacksfrage.

Bild: Marko Locatin

Neu war mir Hot Cevice. Entenfilet & confierte Keule aus Österreich, knusprige Maniok, Süßkartoffel, marinierte Kirschtomaten, warme Leche de Tigre, mit etwas grünem Öl angemacht. Auch fein.

Marko Locatin

Danach folgte der beste Gang des Abends (siehe Aufmacherbild): Prime Cut vom österreichischen Altrind (Dry Aged), geräucherte Aji-Panca-Sauce , confierte Aji-Amarillo-Sauce, Erdäpfel-„Pavé”, Chimichurri, Pimentos de Padrón, Ponzu. Genial abgeschmeckt, rauchig, fruchtig aromatisch, butterzartes Rind. Das Erdäpfel-„Pavé”, knusprig, innen zart ist – sorry to say so – großes Gaumenkino.

Das Fazit

Um die Eingangsfrage zu beantworten: Der Hype um die Nikkei-Küche im Artig kann sehr viel. Außergewöhnliche Produktqualität, spannende Aromen & vielschichtiges Säurespiel, übersetzt Javier Vera Alarcón in kreative, handwerklich präzise Gerichte.

Die kleinen Tische aus Kopenhagen mögen trendy sein, die 2-er Tische wurden von meinem Mitesser und mir für gar klein befunden. Besonders, wenn, was der Fall war, noch eine Flasche Wein plus Gläser darauf Platz finden sollen. Apropos Wein:

Tipp: Fragen Sie nach Naturweinen, es sind mehr Positionen verfügbar, als die derzeitige Karte ausweist. Und: Trinken Sie den genialen Signature-Drink Pisco Sour, hier mit einem Auszug aus rauchigem Oolong-Tee interpretiert.

Artig
Piaristengasse 12
1080 Wien
Di – Sa: 18.00 – 24.00:
2 Slots: 18 – 21 und 21 – 24.00 (Unbedingt reservieren!)
artig.1080.at

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