Traditionsgasthaus „Brandstetter“ in Hernals insolvent

Ina Dieringer

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Wer an der Hernalser Hauptstraße unterwegs ist, kennt das traditionsreiche „Brandstetter“ – ein Lokal, das über Generationen hinweg als sozialer Mittelpunkt im Grätzl galt. Zwischen historischem Interieur und klassischer Wiener Küche fanden hier Nachbarn, Stammgäste und Sportklub-Fans seit Jahrzehnten zusammen.

Nun steckt die traditionsreiche Gastwirtschaft in ernsten finanziellen Turbulenzen. Die Leopold Brandstetter Wein- und Bierhaus „Zum Alsegg“ GmbH & Co. KG hat ein Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung beantragt. Die Zahlungen wurden eingestellt, die Eröffnung des Insolvenzverfahrens wird in Kürze erwartet.

Ein Haus mit Herz – und mit Geschichte

Mehr als 120 Jahre lang war der Brandstetter nicht nur Wirtshaus, sondern ein Zentrum des Viertels. Früher deckte man hier nicht nur den Hunger, sondern den täglichen Bedarf an Lebensmitteln. Bis heute wirkt vieles so, als wäre es den Jahrzehnten abgerungen: Originale Möbel aus dem 19. Jahrhundert, eine Küche, die die „Altwiener“ Handschrift trägt, und eine Atmosphäre, die eher an ein gemeinsames Wohnzimmer erinnert als an ein Restaurant.

Als die vorherige Pächterin den Ruhestand antrat, übernahm der heutige Betreiber das Lokal – nicht aus Kalkül, sondern aus Verbundenheit. Ein Haus, in dem man hängen bleibt, wie es in Wien heißt. Mit einem eingespielten Team und viel Einsatz sollte das altehrwürdige Wirtshaus auf eine neue Zeit vorbereitet werden – modernisiert, ohne sich selbst zu verlieren. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter prägten den familiären Charakter des Hauses.

Jahre der Belastung

Doch für viele Betriebe in der Gastronomie waren die letzten Jahre eine Zäsur – so auch hier. Die pandemiebedingten Monate ohne Gäste hinterließen ihre Spuren. Was danach folgte, war nicht die erwartete Erholung, sondern eine Phase der Mehrkosten: Energie, Waren, Personal – alles wurde teurer. Dazu kamen krankheitsbedingte Ausfälle, die die Mannschaft zusätzlich belasteten.

Auch das Verhalten der Gäste änderte sich: weniger spontane Besuche, geringere Konsumation, öfter ein Take-away statt eines Abends im Lokal. Und gerade für ein Wirtshaus, das so stark von Stammgästen und Gemeinschaft lebt, macht das einen Unterschied.

Ein weiterer Rückschlag: Der Umbau des Wiener Sportklub-Stadions, das für regelmäßige Besucherströme gesorgt hatte. Während der Bauphase wichen die Fans an einen anderen Standort aus – zu weit weg für den gewohnten Abstecher vor oder nach dem Match. Zum Pech kam noch eine langwierige Straßenbahn-Umleitung, die den Weg ins Lokal zusätzlich erschwerte.

274.000 Euro Schulden – und doch Hoffnung

Die offenen Verbindlichkeiten summieren sich mittlerweile auf rund 274.000 Euro. Elf Mitarbeiter:innen sind betroffen, 25 Gläubiger warten auf Klarheit. Und doch: Das Kapitel ist noch nicht geschlossen.

Das Unternehmen setzt auf eine Sanierung, die eine 20-Prozent-Quote über zwei Jahre vorsieht. Mit der voraussichtlichen Wiedereröffnung des Stadions im Frühjahr 2026 und der baldigen Rückkehr der regulären Straßenbahnanbindung könnte sich die Lage für das Lokal spürbar bessern.

Der Kreditschutzverband betont, dass der Insolvenzverwalter nun das Konzept prüfen wird – doch die Betreiber glauben an eine Zukunft.

Ein Wirtshaus, das Hernals prägt

Der Brandstetter ist für viele im Bezirk mehr als ein Lokal. Er ist Erinnerungsort, Nachbarschaftstreffpunkt und kulinarische Konstante. Ob es gelingt, dieses Stück Wiener Wirtshauskultur durch die Sanierung zu retten, entscheidet sich in den kommenden Wochen.

Fest steht: Sollte das Licht in der Hernalser Hauptstraße 134 eines Tages erlöschen, würde dem Grätzl ein Ort fehlen, der über Jahrzehnte Menschen verbunden hat.