Zu Mir oder zu Dir?

Andrea Wieger

Der Wiener Naschmarkt ist ja bekanntlich nicht nur für Touristen ein „Must see“. Natürlich genießen auch viele Wiener und „Zuagraste“ die internationale Marktstimmung, für viele Menschen stellt er deshalb wahrscheinlich ein „Must eat“ dar. Nun aber genug „Musts“ – Fakt ist, dass es auch rundherum, also im vierten, fünften und sechsten Gemeindebezirk gelegen, nicht wenig Möglichkeiten gibt, wo man genüsslich seine sozialen und lukullischen Bedürfnisse befriedigen kann. Meiner Meinung nach auch oft viel besser als direkt am Markt, aber das ist Geschmackssache (im wahrsten Sinne des Wortes). Und nun komm ich endlich zum Punkt: es geht um das Freihausviertel. Ein Teil des vierten Bezirks, ein hipper Teil, ein – dank des großen Angebots an diversen Lokalitäten für Speis und Trank – köstlicher Teil! Ich hab mir diesmal das im September des Vorjahres eröffnete Lokal namens „Mir“ in der angesagten Schleifmühlgasse angesehen.

Wo zuvor noch ein italienisch-kroatisches Restaurant platziert war, gibts seit einem halben Jahr also keine Pasta mehr, sondern traditionelles orientalisches Essen. Südost-türkisches Essen, aus Mesopotamien, um genau zu sein. Serviert von den drei Geschwistern Aurohom, deren Familie zur Minderheit der Assyrer gehört. Und gekocht wird von der Mama. „Sie kocht mit magischen Händen, wirklich. Was sie anfasst wird einfach immer köstlich und das sage ich nicht nur weil sie meine Mama ist“ erklärt Mirell die Kochkünste ihrer Mutter. Das ist Teil des Konzepts… Essen „wie bei Mama“ aufzutischen. Neben der Küche setzte der Familienbetrieb bei der Konzepterstellung auch ein Hauptaugenmerk auf das Interieur: da hats hellgraue Lederbänke, türkise Wandverkleidungen in Kombination mit senfgelben Sesseln im Eingangsbereich (schaut super aus!), große Schreibtischlampen und eine beleuchtete Wand als Weinregal. Alles in allem nicht zu überladen, aber doch sehr bemüht und ästhetisch für meinen Geschmack.

Meine ebenso genussaffine Dinnerbegleitung und ich orderten zuerst mal die „Spezialitäten des Hauses“, bestehend aus knusprigen Börek-Stangen, bei denen das Teig-Käse-Verhältnis super passte, gefüllten Weinblättern, die etwas säuerlich schmeckten, leicht scharfem, eingelegtem Gemüse und frittierten, mit Rind- und Lammfaschiertem gefüllte Bulgurtaschen – richtig super war das alles! Zum Vergleich kosteten wir auch die gedämpfte Variante dieser Fleischtaschen und auch die waren fantastisch: in Butter geschwenkt, fein gewürzte Füllung, in Wien vermutlich nirgends sonst zu bekommen, diese köstliche orientalische Hausmannskost. Nächster Gang war dann wieder Lamm. Wenn ich nämlich mal wo bin, wo ich auf Anhieb der Küche sehr vertraue und es steht Lamm auf der Karte – ich bestells. Der Eintopf mit Schmorgemüse wurde im Tongeschirr serviert und kam mit einer Mischung aus Bulgur und kleinen Suppennudeln daher. Sehr fein. Ebenso fein wie die zweite Hauptspeise, die wir verkosteten: selbstgemachtes Hummus, das zwar etwas mehr hätte sein dürfen, doch dafür war es üppigst mit zart gekochtem Rindfleisch „belegt“, das so ähnlich schmeckte wie das Sonntags-Suppen-Rindfleisch bei meiner Mama. Bei allen Gerichten war sehr viel vom Eigengeschmack zu erkennen, zwar gut gewürzt aber nicht zu viel. Die Gewürze werden übrigens direkt aus der Südosttürkei bezogen, das Biofleisch vom österreichischen Steiner. Als Nachtisch hatte dann jeder noch eine Hälfte vom Schokomousse (im Glas) – auch hier: nicht zu süß, gerade richtig.

Weil ich vom „Mir“ richtig begeistert bin, möcht ich auch noch ein paar andere Gerichte aufzählen, die den orientalischen Mund wässrig machen: gerösteter Wurzelgemüse-Eintopf, Melanzanisteaks auf Tabouleh, Joghurtsuppe mit Rindfleischbällchen und Kichererbsen, Karamellisierter Halloumisalat, Schawarma (Wraps mit Huhn, Rind oder vegetarisch) oder rosa Beiried „Mir“ Style mit süßen Bratkartoffeln (mit € 18,90 das „teuerste, günstige“ Gericht auf der Karte).

Getränketechnisch gibt’s allerhand Alkoholfreies (mein Tipp: Saft mit Tamarinde!), ein paar edle Tropfen von der Traube und Piestinger Lager Bier vom Fass. Bald eröffnet der Schanigarten vor der Tür, die altorientalischen Spezialitäten lassen sich dann auch in der Sonne genießen, im schönen Freihausviertel.

Mein Fazit:

Frische, hausgemachte orientalische Hausmannskost. Familienbetrieb, wie „bei Mama“. Preislich richtig ok. Somit: probieren, unbedingt!

 

Mir

Schleifmühlgasse 21

1040 Wien

Tel. 01/890 36 48

www.mir.wien

Geöffnet: Montag bis Samstag 11:00 bis 24:00